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„CSI-Effekt gegen Technikfeindlichkeit“
Technikermangel gefährdet Fortschritt des Wirtschaftsstandortes Österreich
Technik muss stärker kommuniziert werden
Umdenken im schulischen und universitären Bereich gefordert.
„Der technologische Fortschritt ist ein entscheidender Faktor für das Wachstum und damit für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit in Hochlohnstandorten. In krassem Gegensatz zur hohen ökonomischen Bedeutung steht allerdings die öffentliche Wahrnehmung des technischen und damit auch des industriellen Fortschritts in Österreich“, erklärt Albert Hochleitner, Obmann des Fachverbandes der Elektro- und Elektronikindustrie, anlässlich der Bildungsenquete Gesellschaft gegen Technik? Auf der Suche nach einem neuen Verständnis von Innovation und Technik im 21. Jahrhundert, am 10. Juni im Wiener Haus der Industrie. „Technik als Baustein der Industrie ist hierzulande nach wie vor ein Nicht-Thema, existiert in dieser Weise im öffentlichen und im privaten Diskurs nur untergeordnet“, kritisiert Hochleitner. Der Grund dafür: Das Wissen über Technik zähle heute nicht mehr zur Allgemeinbildung. Und dies habe eine „ausgeprägte Technologie- und Industriefeindlichkeit“ zur Folge. Allerdings, wirft Hochleitner ein, gäbe es bei der Anwendung neuer Technologien – wie beispielsweise Handys oder Laptops – selten Berührungsängste mit dem Fortschritt. Verschärfend wirkt sich laut Clemens Malina-Altzinger, Obmann des Fachverbandes der Maschinen- und Metallwarenindustrie, auch die demografische Entwicklung aus: „Bereits ab dem Jahr 2010 wird die für uns so wichtige Zielgruppe der 15 bis 19-jährigen kontinuierlich kleiner werden. Berechnet ab dem Jahr 2008 haben wir bis zum Jahr 2020 mit einem Rückgang von 14% zu rechnen. Das bedeutet, dass sich die Zahl der Jugendlichen, die potentiell eine technische Ausbildung beginnen können (Lehre oder Studium), bis zum Jahr 2020 um über 70.000 Personen reduzieren wird“. Für beide Obmänner ist der Schlüssel zum Erfolg eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung gegenüber Technik und Industrie. Dafür sind nicht nur Anstrengungen der Wirtschaft selbst, sondern auch Maßnahmen von Seiten der Politik und des Bildungswesens gefragt.
Auch die Vermittlung von Technik im schulischen Bereich genauso wie in den Medien müsse stärker kommuniziert werden. Besonders lehrreich sei in diesem Zusammenhang der so genannte „CSI-Effekt“: „Seit der Premiere von CSI - Las Vegas im Jahr 2000 geben immer mehr junge Menschen als Berufswunsch Gerichtsmediziner an. Dieser Trend ist auch in Österreich spürbar. Bedenkt man, dass Gerichtsmediziner bislang nicht unter den gängigen Vorstellungen einer Traumkarriere zu finden waren, wird einem die Macht unserer heutigen Medien- und Informationsgesellschaft umso stärker bewusst“, beschreibt Malina-Altzinger das aktuelle Medienphänomen. Um Technik bei Jugendlichen beliebter zu machen und dem Thema als wichtigen Bestandteil unseres Alltags einen entsprechenden Platz zu bieten, müssten Technik bzw. Techniker viel öfter in den Medien vorkommen – auch außerhalb von Magazinen und Dokumentationen. Denn in TV-Filmen, Serien und Soaps beherrschen bislang Stereotype das Bild: Tierärzte, Bergdoktoren, Chirurgen und polizeiliche Ermittler aller Art, Rechtsanwälte, Richter, Förster und Manager.
In dieselbe Kerbe schlägt Julia Wippersberg, Institut für Kommunikationswissenschaften, Universität Wien. In ihrer Studie Technik im ORF kommt Wippersberg zu dem Schluss, dass häufige Berichterstattung über Technik und technische Berufe auch das Interesse an diesen Themen wecken und so eventuell zu einer entsprechenden Berufswahl führen kann. Doch bislang sei hier zu Lande der Anteil an Wissenschaftsberichterstattung an der gesamten Berichterstattung zu klein. Dabei wären Technik-Themen aufgrund der großen Bedeutung für die Gesellschaft und auch aufgrund der emotionalen Aufladung, die Technik-Themen gelegentlich immanent ist, attraktive Themen für die Medien und spannende Informationen für die Rezipienten.
Eines der Hauptprobleme dahinter: Die meisten TV-Redaktionen seien sich einig, dass Beiträge über Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik sowie Metallindustrie von vielen Rezipienten schnell als „unsexy“ und sperrig empfunden werden. Dies werde als eine grundsätzliche Schwierigkeit bei der Produktion von Beiträgen über Technik allgemein und Maschinenbau, Elektronik und Elektrotechnik sowie Metallindustrie im Besonderen empfunden: Diese Themen eigneten sich zum Teil nicht sehr gut für das Fernsehen, da das TV mit Bildern arbeiten müsse und gute Technik-Themen nicht immer gute Bilder hätten. „Solange Themen aber abstrakt bleiben und nicht in Bilder gefasst werden können, sind sie schwer zu vermitteln und zu produzieren. Umgekehrt sind sie von den Zuschauern nicht leicht zu verarbeiten und stoßen auf wenig Interesse. Darüber hinaus wird von den befragten Redaktionen angeführt, dass Technik-Themen Nischen darstellen, für die wenig Sendezeit zur Verfügung steht“, fasst Wippersberg ihre Studienergebnisse zusammen.
Die Studie Technikausbildung ja/nein – wie entscheidet die Jugend von Wolfgang Schildorfer, Vereinigung High Tech Marketing, beschäftigt sich mit Motiven und Kontexten für die Entscheidung für oder gegen eine technische Ausbildung in den Bereichen Maschinenbau und Elektrotechnik. Die Wahrnehmung eines Informationsmangels - auch und vor allem in der Schule – ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie. Dieser Mangel betrifft die folgenden Bereiche: technische Ausbildungsmöglichkeiten, Inhalte technischer Ausbildungen, Berufsbilder und Möglichkeiten mit technischen Ausbildungen, Technik intensive Leitbetriebe und Innovationsführer in Österreich und den tatsächlichen Bedarf an technischem Fachpersonal der Industrie.
Ein eher überraschendes Bild zeigt sich laut Schildorfer zudem bezüglich der Wahrnehmung des Technikermangels in Österreich. Demnach sei ein Technikermangel nicht offensichtlich, wobei ein bestehender Technikermangel künftig inhaltlich genau und expliziter kommuniziert werden müsse. Als Problem werde die geringe Anzahl an technischen Stelleninseraten in den Tageszeitungen gesehen, wodurch es zu einer Verzerrung der Wahrnehmung eines potentiellen Technikermangels komme. Ein weiteres Problem bestehe darin, dass Schlagzeilen über den Jobabbau in österreichischen Industrieunternehmen ein gegenteiliges Bild vermitteln.
In der abschließenden Podiumsdiskussion, an der Friedrich Faulhammer, Leiter der Sektion I „Universitäten und Fachhochschulen“ des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, Gernot Schieszler, Generaldirektor-Stellvertreter Telekom Austria TA AG, Monika Kircher-Kohl, Vorstandsvorsitzende Infineon Technologies Austria AG, Christian Knill, CEO Knill Gruppe, und Alexander Wrabetz, Generaldirektor ORF, teilnahmen, lag der Fokus auf Maßnahmen, wie Elektrotechnik und Maschinenbau stärker vor den Vorhang geholt werden können. Dabei steht vor allem die Vorbildwirkung von Role Models im Vordergrund. Ebenso sollte künftig ein stärkerer Konnex zwischen der angewandten Wirtschaft und der Wissenschaft hergestellt werden. Beide Inhalte müssen in den Medien kurz und verständlich präsentiert werden. Eine Adaptierung der Universitätscurricula soll auch Attraktivitätssteigerung von Technikstudien wie Elektrotechnik und Maschinenbau beitragen. Der Abbau von Berührungsängsten kann z.B. über eine stärkere Öffnung der Unternehmen erreicht werden. Durch das Sichtbarmachen von Produktionsprozessen soll die Lücke zwischen Alltagsverständnis und Alltagsanwendung von Technik geschlossen werden können. Wichtige Zielgruppen mit hohem Potential sind nach wie vor junge Frauen und Migranten. Vor allem bei letzteren ist eine Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen ein notweniger Schritt, um künftig die Anzahl der technischen Experten zu steigern.
